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DIE MÖLLNER BRIEFE

Erwiderung der Regisseurin auf die Stellungnahme der Stadt Mölln

In den vergangenen Wochen hat die Stadt Mölln eine Stellungnahme zu meinem Dokumentarfilm »Die Möllner Briefe« veröffentlicht. Da diese bei einzelnen Vorführungen zu Nachfragen geführt hat, möchte ich einige Punkte klarstellen.

Der Film erhebt an keiner Stelle den Vorwurf, Briefe seien absichtlich zurückgehalten worden. Ein solcher Vorwurf wird im Film nicht formuliert. Im Zentrum steht eine dokumentierte Tatsache: Hunderte Solidaritätsbriefe erreichten die Betroffenen über Jahrzehnte hinweg nicht. Sie wurden erst rund 27 Jahre später übergeben.

Der Film interessiert sich nicht für individuelles Fehlverhalten einzelner Personen. Er fragt nach strukturellen Zusammenhängen: Wie konnte es geschehen, dass diese Briefe archiviert wurden – und dass ihre Bedeutung für die Betroffenen über so viele Jahre hinweg keine Rolle spielte?

Die Stadt verweist auf ein Schreiben aus dem Jahr 1992, in dem auf eingegangene Briefe hingewiesen worden sei. Dieses Schreiben ist im Film zu sehen und wird dort ausdrücklich thematisiert. Auffällig ist die Widersprüchlichkeit des Dokuments: Zu Beginn heißt es, die Briefe seien »anliegend beigefügt«, am Ende ist davon die Rede, sie könnten »im Rathaus eingesehen« werden. Diese Unklarheit war Anlass weiterer Recherchen. Ein Versandnachweis des Schreibens ließ sich nicht finden.

Unabhängig davon bleibt der zentrale Punkt bestehen: Die Briefe selbst lagen über Jahrzehnte im Archiv. Mehrere Überlebende der Anschläge sehen sie im Film zum ersten Mal.

Die Stadt führt außerdem eine Dankesanzeige an, die am 22.12.1992 in den Lübecker Nachrichten erschien und »im Namen aller Brandopfer« veröffentlicht wurde. Diese Anzeige war mir bekannt. Mitunterzeichnet wurde sie von einer Person, die damals als Dolmetscher für die Stadt Mölln tätig war. Den Betroffenen, mit denen ich gesprochen habe, war dieser Name überwiegend nicht bekannt.

Eine Anzeige, die »im Namen aller« spricht, obwohl zahlreiche Familien betroffen waren, ist aus meiner Sicht zumindest erklärungsbedürftig. Wer legitimiert eine solche Formulierung? Wer entscheidet, wer für alle sprechen kann?

Vor allem aber lässt sich aus dieser Anzeige nicht ableiten – wie es die Stadt nahelegt –, dass die Überlebenden Kenntnis von den konkreten Solidaritätsbriefen hatten. Eine öffentliche Danksagung ersetzt nicht die tatsächliche Weitergabe oder Übergabe dieser Briefe. Sie verändert nichts an der Tatsache, dass viele Betroffene die Schreiben erst Jahrzehnte später zu Gesicht bekamen. Aus diesem Grund habe ich sie nicht in den Film aufgenommen.

Auch der Vorwurf unzureichender Recherche trifft nicht zu. Für den Film wurde mehrfach im Stadtarchiv Mölln recherchiert, es wurden Gespräche mit Betroffenen, Zeitzeug*innen sowie institutionellen Vertreterinnen und Vertretern geführt und umfangreiches Material ausgewertet. Die Perspektive der Stadt Mölln kommt im Film ausführlich zu Wort.

„»Die Möllner Briefe« ist kein Film gegen eine Stadt oder ihre Bewohnerinnen und Bewohner. Der Film stellt eine grundsätzliche Frage: Was bedeutet Solidarität, wenn sie die Betroffenen nicht erreicht? Und was sagt das über unseren gesellschaftlichen Umgang mit rassistischer Gewalt und Erinnerung aus?

Die Erfahrung, die der Film sichtbar macht, ist klar: Solidarität war vorhanden – doch sie ist bei vielen Betroffenen nicht angekommen. Diese Perspektive erzählen die Überlebenden selbst.

Es geht nicht um Schuldzuweisungen. Es geht um Verantwortung. Und um die Frage, wessen Erfahrungen im Zentrum unserer Erinnerung stehen.

Ich wünsche mir, dass die Diskussion über den Film dazu beiträgt, den Blick stärker auf die Perspektiven der Betroffenen zu richten – und ihnen zuzuhören.

Berlin, 3.3.2026

Martina Priessner